„Heutzutage ist es generell sehr wichtig, in Partnerschaften zu denken und nicht zu versuchen, alles allein zu machen.“

André Schulte leitet seit 2013 das Medizintechnik-Unternehmen WEINMANN Emergency. Im Hamburg-2040-Podcast unterhält er sich mit Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Dr. Malte Heyne über die Perspektiven des Mittelstandes und der Gesundheitswirtschaft in Hamburg.
Mike Schaefer
Seit 2013 leitet André Schulte das Medizintechnik-Unternehmen WEINMANN Emergency.

Fotos von Mike Schaefer, 5. April 2024 (HW 2/2024)

Malte Heyne: Moin, Herr Schulte. Sie sind Rettungssanitäter, aber auch Volkswirt wie ich. Was treibt Sie als Volkswirt in die Gesundheitswirtschaft?

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Mike Schaefer
André Schulte ist Volkswirt und hat von 1988 bis 1994 in Münster studiert.

André Schulte: Ich habe zunächst Mathe und Physik studiert und bin dann Volkswirt geworden, weil ich es gut fand, mal auf das Big Picture zu gucken: Worum geht es eigentlich im Ganzen? Die Gesundheitswirtschaft ist später dazugekommen. Ich fand es immer gut, irgendwo zu helfen. Das hat mich umgetrieben. In Hamburg war ich zunächst in einem großen Unternehmen der Gesundheitsindustrie. Dann bekam ich die Chance, in einem mittelständischen Unternehmen zu starten. WEINMANN war damals noch sehr national orientiert. Das auszubauen, fand ich super.

War Ihre Erfahrung als Rettungssanitäter prägend für Sie?

Ja, das war schon total prägend. Ich habe den Abschluss als Rettungssanitäter und Pharmareferent ziemlich gleichzeitig gemacht. Denn wenn ich etwas mache, will ich auch verstehen, was dahintersteckt. Dann bin ich jahrelang ehrenamtlich Rettungsdienst gefahren, in Deutschland und in England. Ich glaube, es gibt kaum einen Beruf, bei dem man so nah an das soziale Umfeld anderer Menschen herankommt. Und was mich eigentlich am meisten dabei geprägt hat, ist diese intrinsische Motivation des Personals, den Menschen zu helfen. Das hat mich total fasziniert und letztendlich zu meiner heutigen Position geführt.

Sie haben 1994 bei WEINMANN angefangen, seit 2013 sind Sie dort Geschäftsführer. Was genau macht Ihre Firma?

Unsere Produkte sind überall dort im Einsatz, wo Rettungssanitäter, Rettungsassistenten, Notärzte, Paramedics weltweit unterwegs sind, in Notfalleinsätzen. Da sind unsere Geräte in vital bedrohlichen Situationen dabei und helfen, Menschenleben zu retten. Und das treibt uns alle im Unternehmen um. Das macht total Spaß und begeistert.

WEINMANN feiert dieses Jahr 150. Geburtstag in der Handelskammer, wir freuen uns schon darauf. Wie gelingt es Ihnen, trotz der Lorbeeren der Vergangenheit die Zukunft im Blick zu haben?

Ich habe unglaublich viel durch die Unternehmerfamilien gelernt, denen WEINMANN gehört und die bis vor zehn Jahren noch aktiv im operativen Geschäft tätig waren. Vor allem, immer eine Neugier und Dynamik zu haben, immer mal wieder die Perspektive zu wechseln, immer wieder zu schauen, was passiert gerade. Diese Wandlungsfähigkeit ist mir und allen im Unternehmen erhalten geblieben.

Der Wortlaut des Podcasts wurde für dieses Format stark gekürzt und zudem redaktionell bearbeitet. Den vollständigen Podcast finden Sie hier.

Unheimlich viele unserer Mitarbeiter bieten eine super Perspektive für uns, weil sie Rettungsdienst-Hintergrund haben. Intensivpfleger, Notärzte in China oder im Katastrophenumfeld, Notfallhelfer: Alle diese Menschen bringen Ideen mit. Auch in der Medizintechnik und angrenzenden Studienbereichen, in der Technologie sind bei uns Menschen, die so kreativ sind, dass uns die Ideen nie ausgehen, wir haben eigentlich immer viel zu viele davon. Das muss man dann richtig steuern und kanalisieren.

Der Mittelstand ist das Rückgrat, der Motor unserer Wirtschaft. Und gerade bei mittelständischen Unternehmen wie Ihrem ist immer Innovation erforderlich, um die aktuellen Herausforderungen zu meistern. Wie machen Sie im Unternehmen Innovation? Und was raten Sie anderen mittleren Unternehmen?  

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Mike Schaefer
Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Dr. Malte Heyne (li.) im Podcast-Gespräch mit André Schulte

Zunächst möchte ich zwei Dinge einsortieren. In Deutschland gibt es 1500 Medizintechnikunternehmen, von denen etwa zehn Prozent mehr als 250 Mitarbeiter haben. Da sind wir mit unseren insgesamt etwas über 400 Mitarbeitern schon mal dabei. 50 Prozent des europäischen Medizintechnik-Umsatzes werden in Deutschland gemacht. Also wir gehören damit zu den ganz Großen in Europa.

Bei Innovation ist die Frage, wie man sie definiert. Nicht nur die Technologie kann innovativ sein, auch das Geschäftsmodell, also die Dienstleistung, die wir unseren Kunden und Vertriebspartnern bieten. Innovativ ist nicht nur unser Produkt, sondern das ganze Paket, das wir den Kunden bieten. Und wenn man die Mitarbeiter dazu motiviert, sich Gedanken zu machen, dann befeuert das diesen innovativen Geist. Und den brauchen wir nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa, um im internationalen Wettbewerb auch weiterhin unsere gute Position zu halten.

Die Gesundheitswirtschaft ist in Hamburg ein Zukunftssektor, der auch gerade von mittelständischen Unternehmen bestimmt wird. Wie sehen die Rahmenbedingungen für die Branche in Hamburg aus Ihrer Sicht aus? Wie gut sind wir da aufgestellt?

Die Verbandslandschaft und die Politik bieten gute Voraussetzungen, uns hier noch größer aufzustellen. Hamburg ist eine total attraktive Stadt mit vielen Universitäten. Wir können hier viele Themen gut aus den Universitäten recruiten. Und wir haben permanent Masterarbeiten im Unternehmen, die uns helfen, immer wieder den neuesten Stand der Technik abzubilden. Aber die Stadt ist auch immer teurer geworden. Die Mieten nehmen schon zu, und die Kosten steigen.

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Mike Schaefer
Hamburg ist für André Schulte ein hervorragender Standort für Medizintechnik.

Trotzdem glaube ich, dass wir als Unternehmen in Hamburg eine super Basis haben, um weiter zu wachsen. Mit Life Science Nord haben wir hier eine tolle Cluster-Organisation, die wirklich gute Arbeit leistet, die den Unternehmen hilft, Fragen zu beantworten, sich zu vernetzen. Netzwerken ist sowieso ein großes Thema, finde ich. Heutzutage ist es generell sehr wichtig, in Partnerschaften zu denken und nicht zu versuchen, alles allein zu machen.

Wo sehen Sie die größten Chancen und Risiken in den nächsten Jahren?

Wir sind in der Präklinik unterwegs, die sich insbesondere über die Eintreffzeiten beim Patienten definiert. Weltweit gibt es da noch ganz schön viel Nachholbedarf. Gerade die notfallmedizinische Versorgung weltweit ist bei Weitem nicht so ausgeprägt und so gut wie hier. Und ich glaube, es gibt noch viele Märkte, in denen wir weiter wachsen werden. Denn es gibt noch viele Menschen weltweit, die in Notfallsituationen nicht schnell genug erreicht und gut versorgt werden.

Viele Geräte der Notfallmedizin vertreiben Sie auch seit Jahren nach Russland und in die Ukraine. Wie hat der Krieg die Situation verändert, die Geschäftsbeziehung mit beiden Ländern?

André Schulte (57) studierte von 1988 bis 1994 Volkswirtschaft in Münster. Nach seinem Diplom arbeitete er zunächst für Beiersdorf und wechselte dann als Projektmanager zu WEINMANN Emergency. Dort war er ab 1998 zusätzlich als Exportmanager Notfallmedizin für den EU- und EFTA-Raum zuständig und koordinierte die Geschäftsbeziehungen mit der Bundeswehr sowie ab 2003 mit Streitkräften weltweit. Im Jahr 2005 wurde er zum Direktor der Abteilung Notfallmedizin ernannt und in den Vorstand berufen. Seit 2013 ist er Geschäftsführer des Unternehmens. Seit 1995 ist André Schulte im Deutschen Institut für Normung (DIN) aktiv und seit 2022 Vorsitzender des Normenausschusses Gesundheitstechnik (NAGesuTech).

Wir haben uns schon 2013/14 bei der Annexion der Krim Gedanken gemacht. Unser Büro in Sankt Petersburg haben wir dann 2019 liquidiert und geschlossen, also sozusagen mit einer gewissen Vorahnung. Einer unserer Partner in der Ukraine ist eine große Firma, die für uns Software entwickelt hat. Wir haben allen angeboten, hier in Hamburg unterzukommen, haben also vielen Familien Schutz geboten. Wir haben auch dazu beigetragen, Hilfsgüter in die Ukraine zu schaffen.

Letztendlich haben wir uns dann dazu entschlossen, einen eigenen Softwareentwicklungsstandort mit heute acht Mitarbeitern in Lwiw (Lemberg) aufzumachen. Wobei der Wiederaufbau dort noch gar nicht so richtig angefangen hat. Das kommt noch. Wir sind aber auch der Auffassung, dass wir den Zivilgesellschaften und den Menschen weltweit helfen müssen. Im Rahmen der Sanktionen liefern wir weiter weltweit, auch nach Russland. Wir wollen Menschenleben retten, und da, wo wir das können, tun wir das auch.

Genauso haben wir natürlich auch der Ukraine massiv geholfen und tun das weiter. Wir sind zudem Teil der Initiative „#WeAreAllUkrainians“. Wir sind eng verbunden mit den Hilfsorganisationen und haben zusammen ganze Rettungsfahrzeuge samt Ausstattung gespendet, um dort vor Ort zu helfen. Und das wird sicherlich auch noch weitergehen. Aber unser Vertriebspartner vor Ort muss auch Geld verdienen, also an diesem Wiederaufbaugeschäft partizipieren, um seine Mitarbeiter bezahlen zu können.

Sie sprechen den Städtepakt zwischen Hamburg und Kyiv für Solidarität und Zukunft an. Dass Sie den Standort in Lwiw im laufenden Krieg aufgemacht haben, ist natürlich auch ein starkes Zeichen, dass Sie an den Standort glauben.

Wir glauben ganz fest daran. Und um das Thema Fachkräftemangel anzusprechen: Wir brauchen Softwareentwickler. In Lwiw gibt es eine gute Universität und hochkarätige Mitarbeiter, was wir vorher schon jahrelang im Rahmen eines Dienstleistungsvertrages genutzt haben. Da haben wir uns gesagt: Warum machen wir das nicht selber? Also haben wir dort einen eigenen Standort gegründet. In den nächsten Jahren wird das weiter anwachsen.

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Mike Schaefer
Seit 1995 ist André Schulte im Deutschen Institut für Normung aktiv und seit 2022 Vorsitzender des Normenausschusses  Gesundheitstechnik.

Zum Thema Fachkräfte: Die fehlen überall. Wie sieht das in Ihrem Unternehmen aus? Haben Sie, kriegen Sie die Leute, die Sie brauchen? Wie machen Sie das konkret?

Neben der Liquidität sind die Mitarbeiter das Wichtigste für ein Unternehmen. Unserem Unternehmen geht es gut, weil wir einfach ein super Team haben, das gute Arbeit leistet. Und wenn das gelingt, kann man auch darüber sprechen. Das machen wir mittlerweile, nicht nur in den sozialen Medien. Wir haben entsprechende Employer-Branding-Konzepte. Wir zeigen authentische Videos von den Mitarbeitern. Ich glaube, das merkt man auch.

Und damit ist unser Fachkräfteproblem weniger groß als vielleicht bei vielen anderen. Wir kriegen nach wie vor viele Bewerbungen, zum Beispiel auch auf schwierige Stellen in der Regulatorik, weil die Mitarbeiter, glaube ich, gerne zu uns kommen. Wir haben hier ein gutes Arbeitsklima und natürlich auch ein tolles Thema – Menschenleben retten. Wir funktionieren als Unternehmen nur so gut und sind auch nur so innovativ wie jeder, der da mitspielt, vom Empfang über die Buchhaltung bis in die Logistik.

Apropos Regulatorik: Die Wirtschaft ächzt unter Bürokratielasten. Die haben eine ganz besondere Dimension bei Medizinprodukten. Was belastet Sie da konkret, und welche wirtschaftlichen Konsequenzen hat das?

Regulatorik ist eine Chance, aber natürlich auch eine Last. Eine Chance, denn wenn Dinge anerkannt sind, vielleicht sogar weltweit, kann man Sachen standardisieren und vereinfachen. 1998 hat uns das CE-Kennzeichen dazu verholfen, nach Europa zu gehen. Wenn die Dinge, die wir in Europa jetzt mit der Medical Device Regulation (MDR) machen, auch international anerkannt wären, wäre das ein toller Weg aus Europa in die Welt. Heute müssen wir regional eigene Zulassungen beantragen: Wenn wir hier in Europa mit einem Produkt und einer Zulassung fertig sind, fangen wir in Amerika, China und Japan wieder an.

Andererseits schreibt die MDR vor, dass die Produkte, die schon seit 30 Jahren im Markt sind, neu zugelassen werden müssen. Also nach neuen Verfahren, nach neuem Stand der Technik. Das ist ein unheimlicher bürokratischer Aufwand für bewährte Lösungen. Und daher gibt es Produkte, die wir demnächst in Europa nicht mehr vermarkten, jetzt aber im Rahmen eines Joint Ventures in China fertigen und da weiter vermarkten, weil sie gut sind und funktionieren. Sie sind am Markt anerkannt, sie werden genutzt, aber wir werden sie in Europa nicht mehr vertreiben dürfen. Schon ein bisschen paradox.

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Mike Schaefer
Überflüssige oder überbordende Bürokratie betrachtet André Schulte kritisch.

Sind die Antragsprozesse in Deutschland und Europa besonders effizient oder langwierig im Vergleich zu anderen Ländern?

Die Deutschen sind ja sehr korrekt. Ich glaube, deshalb sind wir auch so stark, und deshalb hat unser Mittelstand so viele „Hidden Champions“ mit guten Ideen und Produkten, die sie in die Welt tragen. Unsere Kunden schätzen die hohe Qualität unserer Produkte. Und wenn wir das in der Regulatorik gut abbilden, kann das ein Asset sein. Wir müssen aber beim Abwägen, was wir regulatorisch tun, noch ausgewogener werden. Der heute betriebene Aufwand führt zu stark steigenden Kosten, die irgendwann nur schwer zu bewältigen sind und uns vor allem im internationalen Wettbewerb einschränken.

WEINMANN Emergency geht auf eine 1874 durch Gottlieb Weinmann in Ludwigshafen gegründete Manufaktur für feinmechanische Armaturen zurück. Das Familienunternehmen hat seit 1956 seinen Sitz in Hamburg und eröffnete 2003 ein Produktions-, Logistik- und Service-Zentrum in Henstedt-Ulzburg. Es ist spezialisiert auf die Herstellung mobiler Systeme für die Notfall-, Transport- und Katastrophenmedizin, etwa für die Intensiv-Transportbeatmung. Derzeit beschäftigt WEINMANN rund 230 Mitarbeitende.

Ich bin ehrenamtlich auch Beiratsvorsitzender eines der großen Ausschüsse des Deutschen Instituts für Normung. Und natürlich muss man sich überlegen: Wofür können wir noch Normen machen? Also, muss man noch mal irgendwas normen, was man vielleicht nicht braucht, weil das Normen einfach dazugehört?  Und da sage ich: Augenblick mal, wem hilft das? Was für eine therapeutische Konsequenz hat das? Was für einen Nutzen stiftet das? Muss ich das jetzt wirklich tun? Also Bürokratie kann gut sein, darf nicht überbordend sein; und es gilt, diese Balance wieder zu finden.

Und ich glaube, da sind wir im Moment auf dem falschen Weg. Natürlich machen wir, wenn wir die Bürokratie abbauen wollen, erst mal ein Bürokratieabbaugesetz, das wieder Arbeit kreiert. Wir müssen an dieses Thema ran, es uns einfacher machen. Denn ich glaube an den ehrbaren Unternehmer. Wir wissen recht gut, wie wir unsere Unternehmen zu Erfolg führen, Arbeitsplätze sichern und damit gute Dinge machen, davon bin ich fest überzeugt.

Eine letzte Frage: Was muss passieren, damit der Gesundheitsstandort Hamburg weiter wächst?

Die Medizintechnik ist nur ein kleiner Teil der Gesundheitswirtschaft. Und es gilt, sich das Cluster genau anzugucken und hinzuschauen: Wie sind die Bedingungen? Wenn man es richtig darstellt, findet man auch Fachkräfte. Denn wir sind eine total attraktive Branche, die es immer geben wird, weil Gesundheit jeden Menschen umtreibt. Ich glaube, dass wir das ganze Thema internationaler denken müssen, nicht zu klein denken. Lieber Hamburg, norddeutsch oder vielleicht noch größer.


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