Zukunftsreise: Im Quadricopter vom Smart Home zum Meeting

An einem Tag im Mai – Tessa erinnert sich, als sei er nur Tage her –, da ging es Oma schlecht. Weil Covid-19 umging, herrschte Besuchsverbot. Monatelang war sie allein. Monatelang kam nur der Pflegedienst. Monatelang träumte ihr Enkelkind davon, sich einfach per Hologramm zu ihr zu beamen. Wie einst bei „Star Wars“. Absurde Idee. Zumindest 2020.

Zwei Jahrzehnte sind seitdem vergangen, die intelligenten Fenster lassen die Sonne in Tessas Smart Home und aktivieren frühlingshafte Weckmusik. Halb acht in Hamburg: Zeit, für die Zukunft aufzuwachen. Hologramme sind jetzt zwar Alltag, doch die Unternehmerin plant Neues: Holodoc. Ein audiovisuelles Praxisgerät, das Ärzte und Ärztinnen über Virtual-Reality-Linsen (VR) lebensgroß zu Erkrankten projiziert oder umgekehrt. Dazu ein diagnostisches Hausbesuchs-Tool mit integriertem Aerosol-Vernebler als Lichtpunktreflektor, produziert am 3-D-Drucker, alles „Made in Hamburg“. Nicht nur in Pandemien würde das die medizinische Grundversorgung revolutionieren.

Und heute ist der große Tag. Tessas Prototyp, den sie mit ihrem Mann Bülent bei einem der vielen TechHubs entwickelt hat, steht im virtuellen „Founders Room“ der Handelskammer – manche sagen noch „Gründungszentrum“ – und wirbt um Investitionskapital. Da heißt es wach sein, fit sein, frisch sein – wie die Künstliche Intelligenz (KI) ihres vollautomatisierten Lofts. Weil es Bund und Länder jahrzehntelang versäumt hatten, Arbeit nachhaltig, sozial und interaktiv mit Wohnen zu verschmelzen, lebt zwar nur ein Drittel der Hamburger Haushalte in Smart Homes. Doch für „First Adopters“ wie Tessa, die neueste Errungenschaften als Erste anwenden, ist datenbasierte Work-Life-Balance keine technische Spielerei, sondern Daseinszweck.

Noch vor dem Aufstehen wird Tessas Smart-Wrist aktiv – das „schlaue Armband“, das ressourcenintensive Smartphones verdrängt hat. Es sendet alle Gesundheitsdaten der 29-Jährigen zum Datenzentrum ihrer Krankenkasse, gleicht sie mit dem Kühlschrankinhalt ab und erstellt nach Tessas Vorlieben ein organisches Frühstück mit optimalem Nährstoffgehalt und individuellem Genussfaktor. Die Sanitärsoftware bereitet derweil das Abwasser vom Vortag fürs Duschen auf und kocht Tessas Tee mit Kondenswasser aus der Obstplantage im Keller.

Auf an die Arbeit! Die Polymerfolie der transparenten Zimmerdecke stellt das Licht- und Raumklima passend ein; Tessas Neurotransmitterspiegel zeigt an, dass sie bereit ist, ihre digitalen Nachrichten-Abos abzurufen. Der kabel-, papier- und passwortfreie Netzanbieter wirft die Infos auf die Wände: Die europäische Ethikkommission, erfährt Tessa, hat erneut die Zulassung eines Implantats für eine Gehirn-Computer-Schnittstelle abgelehnt. Denn die einflussreiche Generation 90+ ist weiter dagegen. Nun ja, der schillernde Unternehmer hinter dem Implantat ist Risiken und Rückschläge seit der Einführung von E-Autos vor über 20 Jahren gewohnt …

Illustrator: Mario Wagner

Schnittstelle zwischen Körper und Rechner bleibt also Tessas Datenarmband, das sie vibrierend an den Holodoc-Termin erinnert. Wenn sich die Teilnehmenden per Iris-Scan im „Founders Room“ einloggen, sortiert der Algorithmus alle Informationen vor – und avisiert Firmen, die marken-, patent-, finanz- und verwaltungsrechtlich geprüft wurden. Bald steht die Entscheidung fest: Fast 100 Millionen Euro Startkapital wollen ein ruandischer Staatsfonds und der Biotech-Cluster des neuen Nordlandes „NSH“ (Niedersachsen/Schleswig-Holstein/Hamburg) beisteuern. Die Landeshauptstadt Hamburg garantiert dafür Holodoc-Dependancen in Bremen, Eutin und Kigali.

Für den Abschluss wäre zwar kein physisches Treffen nötig, doch bei Verträgen ist Tessa noch den 2020ern verhaftet. So verabreden sich alle Partner in drei Stunden zum Lunch in der Genfer WHO-Zentrale – im postfossilen Zeitalter ein Katzensprung. Zum nächsten Drohnen-Port am Bahnhof fährt Tessa mit ihrem Hybrid-Fixie, einem Hightech-Eingangrad aus einer der 150 Manufakturen, die Hamburg zur Radmetropole machen. Auf dem Weg teilt sie sich die dicht begrünte, dank Fahrzeugvernetzung ampelfrei gesteuerte City praktisch nur mit Zweirädern. Privatautos gibt es kaum, und falls doch, dann solar- oder wasserstoffbetriebene Sharing-Modelle, die den Begriff von Verkehr und Besitz radikal verändern – allein die Kfz-Steuer kostet monatlich mehr als ein Jahresabo des Multicopters, mit dem Tessa 20 Minuten später nach Genf fliegt.

Dank der Verlagerung des Fernverkehrs in die Luft ist der Hauptbahnhof inzwischen ein Work-/Life-Space mit unterirdischem Gemeinschaftsgarten. Als sie ihr Fahrrad biometriegesichert dort abschließt, landet gerade ihr Flugtaxi. 75 Sekunden später steigt es in Schallgeschwindigkeit auf 5000 Meter, wo die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) Abermillionen von Drohnen fast reibungslos koordiniert. Unfälle gibt es so wenig wie Emissionen. Globale Algorithmen garantieren, dass kein Meter ohne Transportgut oder Reisende zurückgelegt wird. Der dauernde Datenabgleich mit Industrie, Handel, Logistik und Dienstleistung hat Deutschlands Bürokratie zum Motor der hypermobilen Gesellschaft gemacht, die das Internationale Abkommen zur informationellen Selbstbestimmung zwar nicht lückenlos, aber besser schützt denn je.

Auf dem 48-minütigen Flug kontrolliert Tessa das Wochendossier ihrer Krankenkasse und alle Knotenpunkte auf Datenlecks, bevor sie nach dem Essen von Genf nach Hause fliegt und Feierabend macht. Aber was heißt schon Feierabend? Im 13-köpfigen Holodoc-Team etwa dauern die Tage ergebnisabhängig mal drei Stunden, mal 13. Aber auf keinen Fall mehr, als der per Pflaster in Tessas Achsel platzierte Digitalsensor als invasive Schnittstelle zum Smart-Wrist erlaubt.

Und heute ist Entspannung gefragt: Das Pflaster lädt Körperdaten in Tessas Cloud hoch, und die Software kombiniert daraus ein regionales Menü, dessen Zutaten der Lieferroboter des US-estnischen Weltmarktführers mit Deutschland-Zentrale in Hamburg nach 17 Minuten bringt. Denn Bülent möchte kochen.

Derweil präsentiert das System Vorschläge für den Abend. Vielleicht ein Theaterbesuch? Nein, Tessa braucht etwas Ruhe. Und vieles lässt sich inzwischen auch digital verfolgen. Denn die Schweinepestpandemie sitzt allen noch in den Knochen: Software-gestützt war zwar schnell ein Impfstoff zusammengesetzt, aber mit der Verteilung haperte es – und Live-Events waren lange Zeit verpönt.

Außerdem steht heute Fußball an! Also schicken Bülent und Tessa ihre Avatare in die Umkleidekabine der Shopping-App „Organic Clothing“ und schauen das Champions-League-Finale im E-Soccer, wo der HSV vor 250 Millionen Zuschauern spielt. Nach dem Abpfiff um neun wird der Licht- und Lärmpegel auf Mitternacht gedimmt. Im Bett geht es weiter mit dem „Private Personal Podcast“ eines lokalen Start-ups, das die Stimmen ihrer Lieblingsstars per KI zur individuellen Gutenachtgeschichte moduliert.

Die Küche reinigt sich derweil selber, Restmüll wird für den integrierten 3-D-Drucker recycelt, der Algorithmus hat alles im Griff. Tessa hört davon nichts. Ihr Schlaf wird digital optimiert. Das muss er auch. Um vier ist Meeting in Kigali. Und um elf muss Oma zum Arzt. Analog. Noch.

Jan Freitag, Redaktion der Hamburger Wirtschaft

Bildnachweis: Illustrator: Mario Wagner

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